11. Dezember 2020

Der Mensch als physiologische Frühgeburt (Adolf Portmann)

Der Mensch ist biologisch gesehen ein Säugetier. Säugetiere haben meistens eine sehr lange Tragezeit im Vergleich zu der Brutdauer von Vögeln oder Reptilien. Die Tragzeit von Sägetieren liegt zwischen 722 Tagen ~ 22 Monate (Afrikanischer Elefant) und 16 Tagen (Goldhamster). Der Mensch hat eine Schwangerschaftsdauer von 266 Tagen oder 9 Monaten. Nach der Geburt können die Neugeborenen der meisten Säugetiere bereits überlebensnotwendige Dinge. So können Fluchttiere bereits nach ungefähr 15 Minuten laufen. Sie beherrschen ebenso die Sprache ihrer Artgenossen.

Beim Menschen ist es anders. Das Neugeborene ist unfähig, allein zu überleben. Bis das Neugeborene einen lernfähigen Zustand erreicht, vergeht ein Jahr. In diesem Jahr ist das Neugeborene komplett von den Eltern abhängig. Und noch lange danach sind Menschenkinder existenziell von Erwachsenen abhängig, ohne die sie nicht zurechtkommen könnten. Durch diese Abhängigkeit haben Menschen eine starke Zwischenmenschliche Bindung zueinander. Bei anderen Säugern ist diese Bindung nicht so stark, da die Neugeborenen im Vergleich dazu sehr schnell ihr eigenes Leben bestimmen und selbstständig sind.

Die Funktion der Gesellschaft hat sich im Lauf der Menschheitsgeschichte stark gewandelt. Erst musste jeder für sich und seine Kleinfamilie sorgen. Mit der Entstehung von Gemeinschaften entwickelten sich Berufe, die einzelne Aufgaben übernehmen. Die Berufe wurden in den Familien vererbt, wodurch die Kinder nicht selbstständig wurden. Die moderne Gesellschaft bietet jedem Menschen eine eigene Entwicklung und die Möglichkeit, einen eigenen Beruf zu wählen. Diese Eigenständigkeit ist nur möglich, da die Gemeinschaft füreinander sorgt. So gibt es Menschen, die Lebensmittel produzieren, andere verkaufen diese Lebensmittel. Nochmal andere lehren die nächste Generation. Es gibt Menschen, die das Geldverwalten und welche, die für die Sicherheit der Menschen verantwortlich sind. All diese Menschen könnten ohneeinander nicht so Leben, wie sie es tun, da sie sich sonst selbst versorgen müssten, um zu überleben. Das Risiko, das damit einher geht, ist es, wenn ein Beruf nicht ausgeführt wird, dann verliert die Gesellschaft an Lebensfähigkeit, je nach Wichtigkeit des Berufes.

Gerade in der Corona-Pandemie wird uns diese grundsätzliche Abhängigkeit voneinander bewusst wie lange nicht mehr. Es wird diskutiert, welche Berufe „systemrelevant“ sind und deshalb auch bei einem harten Lockdown nicht an ihrer Ausübung gehindert werden dürfen und im Gegenteil gefördert werden müssen. Und zunehmend fällt es schwer zu bestimmen, welche Berufe dies betrifft. Denn wir spüren zunehmend, dass es gar nicht nur um die Wirtschaft geht, sondern um unsere psychische Gesundheit.

Dies zeigt uns, dass der Mensch auf andere angewiesen ist und das auch immer schon war. Im Laufe der Zeit haben wir gesellschaftliche Strukturen geschaffen, die uns als Einzelperson ein unabhängiges Leben ermöglichen. Wir wohnen, kochen und reisen allein und denken, dass wir uns alles selbstständig ermöglicht haben. Doch tatsächlich sind wir selbst beim Alleinwohnen, beim Kochen und beim Reisen immer auf andere angewiesen, wir haben nur vergessen, dass dies so ist. Diese ursprüngliche Abhängigkeit ist uns vor allem in der Covid-19 Pandemie wieder in Erinnerung gerufen worden. Denn wir vermissen die Gemeinschaft nicht nur mit Angehörigen, sondern im öffentlichen Leben. Die Gemeinschaft als Gesellschaft, in der ich freitags abends vollkommen fremde Menschen auf einem Konzert treffen kann und mich ihnen verbunden fühle.

Auch Weihnachten ist eigentlich als Fest der Gemeinschaft gedacht. DAS Fest im Jahr, an der die Großfamilie zusammenkommt, die man das ganze Jahr nie sieht, und alle gemeinsam irgendetwas tun. Mitten in der Depressions-Zeit haben die Menschen ein Fest erfunden, das mit vielen Lichtern und Weihnachtsbeleuchtung gefeiert wird und alle zusammenkommen, um sich vor Einsamkeit zu bewahren. Für viele ist es der einzige Tag im Jahr, an dem sie doch in die Kirche gehen, obwohl sie sonst nicht viel damit am Hut haben, weil sie das als Kind schon gemacht haben.

Dieses Jahr müssen wir auswählen, mit wem wir uns wann treffen wollen und können – und ob es das Risiko wert ist. Und wir fühlen in uns drin, dass es das wert ist, weil wir als Menschen physisch und psychisch aufeinander angewiesen sind. So, wie wir es vom ersten Atemzug waren.

Daran werden wir dieses Jahr, mehr als in allen Jahren zuvor, erinnert.

 

Lucas, Niklas, Jette und Antonia

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