Mein Kopf ist voll.

Voll mit Dingen, die ich innerhalb einer Woche lernen soll, voll mit Wirtschaftstheorien, Konjunkturzyklen und vektoriellen Geradengleichungen. Pausenlos kreisen Gedanken um poetischen Realismus, um Figurenkonstellationen, um Veduten und Ansichtskarten, um Fotografie und Kitsch und Schönheit, um Analyseausarbeitungen in Sport und um französisch-Arbeitsblätter, die ich mir des Zeitmangels wegen noch nicht einmal angeschaut habe.

Ich bin in acht Tagen fast Biologin geworden und beschreibe Zyklen, die in Form von kleinen konzentrischen Kreisen pausenlos immer weiterlaufen.

Gerade glaube ich, dass ich heute fast zur Mathematikerin geworden wäre, hätte ich mir noch das 1000. Erklärvideo angeschaut, denn wen sonst kann man schon fragen, wenn nicht den Mann aus dem Internet.

Ich habe das Gefühl, ich werde in den nächsten acht Tagen allein durch die Masse an Wissen, die sich jeden Tag aufs Neue in meinem Mail-Postfach befindet, etwas Neues, etwas Großartiges erfinden, was dann zu ’nem krassen Wirtschaftsboom führt.

Ich habe das Gefühl, in den nächsten acht Tagen wird mein Kopf platzen und ich werde auf Grund dessen nie wieder richtig denken können, denn schon jetzt quillen Wörter, wie:,,Klausurersatzleistung, Videokonferenz und Corona – Arbeitsplan“ aus ihm heraus.

Und ja, weißt du, ich find Homeschooling ja eigentlich auch ganz ok.

Seit nun acht Tagen stehe ich vor zwölf auf und bin produktiv, aber ich verstehe trotzdem nicht, wieso man fünf Wochen sowas wie Wochenende hat und man jetzt Aufgaben für eine Woche bekommt, die ungelogen für mindestens zwei reichen würden.

Und dabei muss ich jedes Wort, das ich nicht verstehe, jede Frage, deren Sinn ich nicht sehe, in zeitaufwendiger Googlerecherche heraussuchen, wobei das Filtern von Millionen von Informationen meinen Kopf noch zusätzlich belastet.  Und dieser Vorgang, ja, der dauert dann halt doppelt so lange wie im Unterricht.

Manchmal habe ich das Gefühl die Lehrer sitzen zuhause pausenlos in den Startlöchern und warten darauf, endlich wieder neue Mails loszuschicken, ich habe das Gefühl, es gibt schon jetzt Arbeitsaufträge in deren Entwurf- Spalte im Mail-Postfach für nächste Woche Freitag und die Woche darauf (siehe Symbolbild rechts)…

Ich habe also jetzt schon kaum noch Zeit und dann soll ich mich laut Instagram und Co auch noch selbst finden. Ich sollte am besten jeden Tag Yoga machen und noch mehr Sport machen, sollte nur selber kochen und dann auch bitte ausschließlich gesund, ich sollte mindestens drei Kilo abnehmen, weil Schönheitsideal und so, und ich sollte vor allem mit mir selbst ins Reine kommen.

Ich sollte Detoxen und ne Menge Ingwershots trinken, sollte den Garten umgraben und mein Zimmer renovieren, ich sollte das baufällige Haus von nebenan mit bloßen Händen abreißen und dann, so ganz nebenbei, noch die Welt ein bisschen retten.

Und dann muss ich manchmal weinen, weil ich weiß, dass ich die Welt nie retten werde und dass ich auch keine drei Kilo abnehmen werde. Ich muss dann manchmal weinen, weil mir alles zu viel ist und dann schäme ich mich, weil es anderen viel schlechter geht als mir.

Und anstatt mega gesunde Rezepte im Internet zu suchen, finde ich das Gefühl der Einsamkeit, das manchmal und gerade jetzt so plötzlich in mir aufkommt, dass ich am liebsten schreien würde.

Und anstatt jeden Tag Yoga und Sport zu machen, sitze ich manchmal zwei Stunden nach dem Duschen auf meinem Bett und denk mir:,, ääähmmmm ja, ok…cool, danke Corona, danke für gar nichts.”

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