Rezension zu Jenny Erpenbecks politischem Roman

2015, das Jahr der „Flüchtlingskriese“. Ein Jahr, in dem politische Debatten zum Thema der Flüchtlingspolitik über die Bildschirme der europäischen Haushalte flackerten, ein Jahr, in dem wohl keiner von sich behaupten kann, dass er nicht in persönliche Diskussionen über dieses Thema verwickelt war. Eine Zeit, in der auf die Frage über eine Meinung bezüglich der Flüchtlingswanderung vermehrt die Antwort „eigentlich habe ich ja kein Problem mit Flüchtlingen aber…“ bekommt. Ein Thema, welches oft Ängste vor „Verfremdung“ sowie die Angst um Arbeitsplätze hervorruft . Ängste, welche durch Unwissenheit und der teilweise einseitigen Berichterstattungen immer mehr Fuß in der Gesellschaft fassten. „Flüchtlinge“, ein Thema, welches im Jahr 2015 an gesellschaftliche Präsenz, Divergenz und Sprengkraft kaum zu überbieten war.

Zu diesem Zeitpunkt veröffentlichte Jenny Erpenbeck den Roman: „Gehen, Ging, Gegangen“. Eine Geschichte, in der der pensionierte Altphilologieprofessor Richard seine freie Zeit dem Schicksal einiger, in Berlin gelandeter, Flüchtlinge widmet.

Doch kann der, in mehr als zwanzig Sprachen übersetzte, Roman eine verwirrte, teilweise von Vorurteilen belastete Gesellschaft aufklären – aufklären und ein Bewusstsein für die harte Realität der einzelnen Flüchtlinge schaffen? Einen Zugang auf einer emotionalen Ebene legen, welcher zur Folge hat, dass „die Flüchtlinge“ nicht mehr als große, anonyme, bedrohliche Masse gesehen werden, sondern die einzelnen Flüchtlinge als Individuen mit individuellen Geschichten, Erfahrungen sowie Charakteren gesehen werden? Mehr noch, kann der Roman dazu anregen, wie der Protagonist, den Flüchtlingen zu helfen?
Die erste Frage bezüglich des Potentials der Aufklärung kann man prinzipiell bejahen. Erpenbeck gibt Aufschluss über die sprunghafte, verwirrende Flüchtlings-Bürokratie. Über die Individualität der einzelnen Flüchtlinge und ihrer Geschichten.
Doch von mehr als einer trockenen Aufklärung kann hier nicht die Rede sein. Es wird kein emotionales Bewusstsein geschaffen. Zu Schulden kommt dies dem Protagonisten Richard, einer Figur, welche durch das unaufhörliche Zitieren von Archimedes… unnahbar scheint. Ein Professor, wie man ihn nie verstehen würde. Er stellt somit keine Identifikationsfigur dar. Zudem ist er pensioniert und in den letzten Abschnitt seines Lebens entlassen mit einer emotionalen Lehre, welche durch das Gefühl der Unbrauchbarkeit zustande kommt. Außerdem ist er zurückgelassen mit einem Überfluss an Zeit, wodurch das Motiv zur Flüchtlingshilfe eher Langeweile darstellt als der Wille und die Überzeugung zu sozialem Engagement. Die Handlung stellt also kein moralisches Vorbild dar, welche zum eigenen Helfen motiviert. Außerdem lässt Richard die Flüchtlingshilfe als ein Fulltimejob dastehen, was einen anfänglichen Eindruck von Überforderung hinterlässt. Ein unrealistisches Bild für potenzielle Helfer wird geschaffen, welches eher zu dem Gefühl von „minderwertiger“ Arbeit führt, da diese Art der Hilfe für die arbeitende Gesellschaft ohnehin nicht umsetzbar wäre.
Um einer Gesellschaft, welche durch unaufhörliche Diskussionen über Flüchtlinge ihre Sensibilität gegenüber diesem Thema einbüßen musste, ein wegweisendes Bewusstsein zu schaffen, muss die abgestumpfte, verhärtete Front von Vorurteilen aufgebrochen werden. Dieses Unterfangen ist allerdings nur zukunftsträchtig, wenn die Leser emotional berührt werden. Auch wenn die Geschichten von Awad und Rashid den Leser nicht unangetastet lassen, so wird die Art und Weise, wie Richard den Flüchtlingen nicht ihre richtigen Namen zuspricht und sie nur unter bereits vorgeprägten Identitäten von literarischen Figuren führt, wie Tristan und Apoll, lindert die emotionale Anteilnahme an den Schicksalen der Geflüchteten, die „ohne“ einen anerkannten Namen noch immer nicht als die Individuen gesehen werden, die sie sind, und denen durch das Nicht-Respektieren ihrer Geburtsnamen nicht nur ein Stück ihrer selbst geraubt wird, sondern auch die Möglichkeit durch ihnen Namen ihr kulturelles Erbe darzustellen und zu repräsentieren.
So ist also der Roman „Gehen, Ging, Gegangen“ zu kalt und wenig mitreißend, um eine so aufgewühlte Gesellschaft anzuregen und ein Bewusstsein zu schaffen, geschweige denn, die Lust daran, selbst zu helfen, anzufachen.

Svea Sommerhage

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